Tag 15: Besuch bei Piaggio

Chientina
43.56253 N, 10.65540 E, 159 m ü. M.
Km-Stand: 6405
153 km gefahren

Heute verlassen wir den Campingplatz – den südlichsten Punkt unserer Reise. Gleich zu Beginn wartet noch eine kleine Herausforderung auf uns. Auf den letzten Metern der Schotterpiste sind drei kurze Stücke mit 10 bis 15 Metern so steil, dass wir schieben müssen. Ein bisschen Sport muss schließlich auch sein. Zum Glück packen ein paar Radfahrer vom Campingplatz mit an.

Danach geht es schnurstracks nach Pontedera, an den Ort, an dem unsere beiden Bienen das Licht der Welt erblickt haben. Es ist Samstag, deshalb herrscht rund um das Piaggio-Werk nur wenig Betrieb. Wir machen natürlich Erinnerungsfotos vor der Hauptverwaltung und dem Museum. Hineingehen wäre zwar schön gewesen, aber irgendjemand muss schließlich auf unsere ganze Ausrüstung aufpassen.

Ein wenig Geschichte gehört natürlich auch dazu. Piaggio baute vor und während des Zweiten Weltkriegs Flugzeuge. Nach dem Krieg durfte das Unternehmen keine Flugzeuge mehr herstellen und suchte nach neuen Produkten. 1946 entstand die Vespa – italienisch für Wespe –, ein preiswerter Motorroller, der schnell zum Symbol des wirtschaftlichen Aufschwungs wurde.

Nur zwei Jahre später, 1948, folgte die Ape – die Biene. Im Grunde war sie eine Vespa mit Ladefläche. Der erste Typ besaß einen 125-cm³-Motor unter dem Sitz und konnte 200 Kilogramm transportieren. Im Laufe der Jahrzehnte entstanden zahlreiche Varianten mit stärkeren Motoren und höherer Nutzlast.

Unsere Ape 50 kam 1969 auf den Markt. Sie war die erste Ape, die als Kleinkraftrad zugelassen werden konnte. Seitdem hat sich erstaunlich wenig verändert. Natürlich kamen im Laufe der Jahre Elektrostarter, eine getrennte Ölschmierung, bessere Bremsen, modernere Beleuchtung, LED-Scheinwerfer, Kraftstoffanzeige und strengere Abgasreinigung hinzu. Doch das Grundkonzept ist bis heute nahezu unverändert geblieben.

Und genau deshalb fahren wir im Jahr 2026 immer noch mit Technik, deren Wurzeln über 50 Jahre zurückreichen: Lenkstange, ein drehschiebergesteuerter 50-cm³-Einzylinder-Zweitaktmotor, ein unsynchronisiertes Vierganggetriebe, die Kupplung am linken Lenkerhebel und der Rückwärtsgang über einen Hebel im Fußraum ,Trommelbremsen an den Hinterrädern und Vorderrad ohne Bremskraftverstärker hydraulisch betätigt. Vorderradbremse zunächst mit Seilzug betätigt am rechten Lenkergriff. Mehr Mechanik als Elektronik – und genau das macht den Charme dieser Fahrzeuge aus. Die Ape 50 konnte bis zu 200 Kilogramm transportieren und war in vielen Varianten erhältlich – mit kurzer oder langer Pritsche, als Kastenwagen oder als Fahrgestell für individuelle Aufbauten.

Ende 2024 stellte Piaggio die Produktion der Ape für den europäischen Markt aufgrund neuer Abgasvorschriften ein. Damit endete nach 55 Jahren die Geschichte der Ape 50 in Europa.

Heute gehört Piaggio zu den größten Zweiradherstellern Europas. Zum Konzern zählen unter anderem Vespa, Aprilia, Moto Guzzi, Gilera und Derbi. Die Ape wird für andere Märkte weiterhin in Indien gebaut, wo jedes Jahr rund 200.000 Fahrzeuge das Werk verlassen.

In Italien war die Ape 50 jahrzehntelang das Fahrzeug schlechthin für Jugendliche, Landwirte, Handwerker und Kommunen. Mit 14 Jahren durfte man sie bereits fahren. Kein Wunder also, dass viele junge Italiener ihre Ape frisierten. Die Tuningfirmen Polini und Malossi bieten komplette Umrüstsätze mit 102 oder sogar 133 cm³ an. Vor allem in den Bergregionen galt eine tiefergelegte oder mit Sportauspuff ausgestattete Ape als echtes Statussymbol.

In Deutschland spielte die Ape dagegen wirtschaftlich nie eine große Rolle. Hier ist sie bis heute vor allem ein Liebhaberfahrzeug oder ein origineller Werbeträger.

Wie viele Ape 50 tatsächlich gebaut wurden, verrät Piaggio bis heute nicht. Schätzungen gehen jedoch von 1,5 bis 2 Millionen Exemplaren seit 1969 aus. Ein beeindruckender Wert – und wir sind stolz, mit zwei dieser kleinen Bienen unterwegs zu sein.

Nach dem Besuch in Pontedera ging es weiter nach Pisa. Schließlich wollten wir uns diesen berühmten schiefen Turm auch einmal aus der Nähe anschauen.

So sehr wir uns auch bemühten, mit unseren Apen möglichst nah an den Turm heranzukommen – es gelang uns einfach nicht. Fußgängerzonen, Absperrungen und jede Menge Touristen machten uns einen Strich durch die Rechnung. Ein paar Teile des Turms konnten wir immerhin zwischen den Gebäuden erspähen. Also können wir zumindest behaupten: Wir waren da.

Zum Glück gibt es moderne Technik. Mit ein wenig Bildbearbeitung entstand dann doch noch das Foto, das wir uns gewünscht hatten: der Schiefe Turm von Pisa zusammen mit unseren beiden Apen. Man muss sich eben manchmal ein bisschen helfen – schließlich soll die Erinnerung genauso schön sein, wie wir sie erlebt haben.

Piaggio Ape parked against a stone wall in Tuscany.

Bis bald

Giselind, Reinhard, Shakira und Gina

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