Tag 22: Ruhetag – Fahrzeuge mit Kultstatus

St. André-les-Alpes: 43.96191 N, 06.51117 E, 884 m ü. M.
Km-Stand: 7037

Die Ape ist das italienische Kultfahrzeug der Nachkriegszeit. Aber nicht nur Italien hat ein solches Fahrzeug. In Deutschland sind es der VW Käfer und der Bulli, und das französische Fahrzeug mit Kultstatus habe ich heute beim Einkaufen gesehen: den Citroën 2CV, französisch deux chevaux („zwei Pferde“), in Deutschland liebevoll „Ente“ genannt.

Citroën-Direktor Pierre-Jules Boulanger erteilte 1934 den Auftrag, einen minimalistischen Kleinwagen zu entwickeln. Die Anforderungen an den Konstrukteur André Lefèbvre lauteten:

„Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für zwei Bauern in Stiefeln und einen Zentner Kartoffeln oder ein Fässchen Wein bietet, mindestens 60 km/h schnell ist und dabei nur drei Liter Benzin auf 100 km verbraucht. Außerdem soll es selbst schlechteste Wegstrecken bewältigen können und so einfach zu bedienen sein, dass selbst ein Fahranfänger problemlos mit ihm zurechtkommt. Es muss ausgesprochen gut gefedert sein, sodass ein Korb voll mit Eiern eine Fahrt über holprige Feldwege unbeschadet übersteht. Und schließlich muss das neue Auto wesentlich billiger sein als unser ‚Traction Avant‘. Auf das Aussehen des Wagens kommt es dabei überhaupt nicht an.“

Aus der Forderung nach dem „Eiertransport“ ergab sich die außergewöhnliche Federung mit Längslenkern, die das Einknicken des Fahrzeugs in Schlaglöchern verhinderte. Die Vorgabe eines möglichst günstigen Fahrzeugs führte zu einer Wellblechkarosserie, die dünneres Blech erlaubte, einem Stofffaltdach, einem luftgekühlten Zweizylinder-Boxermotor und zahlreichen weiteren kostengünstigen technischen Lösungen. Die Sitze bestanden lediglich aus einem mit Segeltuch bespannten Stahlrohrrahmen.

Vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden einige Vorläufermodelle. Der erste Serien-2CV wurde am 7. Oktober 1948 auf dem Pariser Autosalon vorgestellt. Die satirische Wochenzeitung Le Canard enchaîné schrieb:  „Eine Konservendose, Modell freies Campen für vier Sardinen.“

Wegen der knappen Rohstoffe, insbesondere Stahl, konnte Citroën zunächst nur wenige Fahrzeuge herstellen. Zeitweise entstanden Wartelisten von bis zu sechs Jahren. Ob das beispielgebend für den Trabant war? Modell 60/80 – bestellt 1960, geliefert 1980. Vorrangig beliefert wurden zunächst Landwirte, Ärzte, Hebammen, Pfarrer und Gewerbetreibende.

Der günstige Anschaffungspreis und die niedrigen Unterhaltskosten machten den 2CV vor allem in Deutschland zum typischen Studentenauto. Sein Besitz galt vielen als Ausdruck einer nonkonformistischen und konsumkritischen Lebenshaltung, bei der Statussymbole keine Rolle spielten. In Frankreich nahm der 2CV einen ähnlichen Stellenwert ein wie der VW Käfer in Deutschland.

Im Laufe der Jahre entstanden zahlreiche Sondermodelle, und auch die Serienfahrzeuge wurden technisch und optisch weiterentwickelt. Ab 1986 gab es eine Version für bleifreies Benzin mit dem Slogan „I fly bleifrei“ und dem augenzwinkernden Schriftzug: „Von 0 auf 100 in 59,4 Sekunden.“ Die Motorleistung wurde von anfangs 9 PS schrittweise bis auf 28 PS gesteigert. Bei allen 2CV lässt sich der Motor notfalls mithilfe der Wagenheberkurbel starten. Ab Frühjahr 1951 wurde der Lieferwagen „Fourgonnette“ auf 2CV-Basis gebaut. Ab der B-Säule schloss sich ein kastenförmiger Laderaum an, der über zwei Flügeltüren am Heck beladen werden konnte.

Im James-Bond-Film „James Bond 007 – In tödlicher Mission“ (1981) hatte ein gelber 2CV einen spektakulären Auftritt mit dem Geheimagenten am Steuer. Citroën nutzte die Gelegenheit und brachte eine gelbe Sonderserie mit „007“-Signet auf den Türen sowie einem Stickerset mit Einschusslöchern heraus. Die Fahrzeuge im Film waren allerdings aufgerüstete Modelle mit Ami-Super-Fahrgestell und dem 54-PS-Vierzylinder-Boxermotor des Citroën GS. Insgesamt wurden vier Filmfahrzeuge gebaut.

1960 erschien der 2CV 4×4 Sahara, später auch 2CV Bimoteur genannt. Er besaß eine zweite Motor-Getriebe-Einheit im Heck, die die Hinterräder antrieb. Beide Motoren – und damit beide Achsen – konnten unabhängig voneinander oder gemeinsam betrieben werden. Die ersten Exemplare leisteten jeweils 12 PS, die ab 1964 gebauten jeweils 16 PS.

Im Mai kündigte Stellantis an, dass Citroën im Rahmen des Strategieplans „FaSTLAne 2030“ ein neues Modell vorstellen werde, das „vom Geist des legendären 2CV inspiriert“ sei. Vorgestellt werden soll es im Oktober 2026 auf dem Pariser Autosalon. Mehreren Berichten zufolge soll die Neuauflage elektrisch angetrieben werden, in Europa produziert werden, weniger als 15.000 Euro kosten, zwischen 3,5 und 3,7 Meter lang sein, eine Batteriekapazität von 25 bis 35 kWh besitzen und damit eine Reichweite von 200 bis 300 Kilometern erreichen.

Zwischen Sommer 1949 und dem Produktionsende Mitte 1990 wurden 3.868.631 viertürige Limousinen sowie 1.246.335 Lieferwagen („Kastenente“, „Fourgonnette“) gebaut. Der Bestand in Deutschland beläuft sich derzeit auf knapp 30.000 Fahrzeuge.

Um die verbliebenen 2CV hat sich in ganz Europa eine aktive Liebhaberszene gebildet. Eine nahezu lückenlose Ersatzteilversorgung scheint noch für Jahrzehnte gesichert, weil nicht mehr erhältliche Originalteile inzwischen nachgefertigt werden. Da könnten sich manche Fahrzeug- und Gerätehersteller ein Beispiel nehmen. Da die Fahrzeuge stark korrosionsanfällig sind, werden Fahrgestelle und andere Bauteile häufig durch verzinkte oder rostfreie Komponenten ersetzt, um den Erhalt der Fahrzeuge langfristig zu sichern.

Bemerkenswert ist, dass dieses Auto auf der Grundlage eines Lastenhefts mit weniger als zehn Anforderungen entstand. Wie könnte ein solches Lastenheft heute aussehen?

„Entwerfen Sie ein Auto, das Platz für vier Personen und zwei Kisten Bier bietet, mindestens 130 km/h schnell ist und elektrisch angetrieben wird. Es soll zwei Kinder sicher zum Kindergarten und wieder nach Hause bringen sowie die täglichen Einkäufe transportieren können. Das Fahrzeug muss günstiger sein als heutige Kleinwagen. Auf das Aussehen kommt es dabei nicht an.“

Ich frage mich, ob daraus heute wieder ein Fahrzeug mit Kultstatus entstehen könnte.

Bis bald

Giselind, Reinhard, Shakira und natürlich Gina

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