Tag 25: Aufi muss i, aufi
Sault: 44.10178 N, 5.42339 E, 801 m ü. M.
Km-Stand: 7163
126 km gestern gefahren
Die Nacht war etwas unruhig. Ich war mal wieder sehr aktiv und Gina hat sich schon früh lautstark zu Wort gemeldet. Also wurde zügig abgebaut. Heute steht der Mont Ventoux auf dem Programm. Mit seinen 1.909 Metern ist der „Géant de Provence“ – der Gigant der Provence – einer der bekanntesten Berge Frankreichs. Schon die Kelten sollen ihn als heiligen Berg verehrt haben, und Francesco Petrarca machte ihn 1336 mit seiner Besteigung berühmt. Heute kennt ihn fast jeder Radsportfan, denn der Ventoux gehört regelmäßig zu den legendären Etappen der Tour de France. In diesem Jahr führt die Tour de France der Frauen am 7. August über den Berg.
Bei gutem Wetter soll man von hier oben gleichzeitig das Mittelmeer, die Alpen und sogar die Pyrenäen sehen können. An seinen Hängen wechseln die Vegetationszonen vom mediterranen Klima bis fast nach Lappland. Das markante weiße Kalkschotterfeld unterhalb des Gipfels entstand übrigens erst, nachdem die Wälder vor Jahrhunderten für den Schiffbau, als Brennholz und zur Holzkohlegewinnung gerodet wurden. Der Mistral sorgt hier oben oft für eisigen Wind – selbst mitten im Sommer.
Bevor es aber bergauf geht, müssen wir erst einmal rund 200 Höhenmeter bergab fahren. Typisch… Der Mont Ventoux hat drei asphaltierte Auffahrten: von Malaucène, Bédoin und Sault. Die Strecke von aus Sault ist mit 25,6 Kilometern die längste, gilt aber mit durchschnittlich 4,5 Prozent Steigung auch als die einfachste. Genau deshalb wählen wir diese Route. Unser erstes Ziel ist das Chalet Reynard auf etwa 1.400 Metern Höhe. So weit wollen wir mindestens kommen. Von dort sind es noch rund sechs Kilometer bis zum Gipfel. Bis zum Chalet läuft alles wie am Schnürchen. Wir kommen erstaunlich gut voran und können viele Abschnitte sogar im zweiten Gang fahren. Doch kurz danach ist Schluss. Die Steigung nimmt deutlich zu. Ich bin mir sicher, dass ich mit der roten Ape noch weiterkommen könnte, aber die grüne schafft es einfach nicht mehr. Also fahren wir auf einen großen Parkplatz und legen erst einmal eine Pause ein.
Nach kurzer Beratung fassen wir einen Plan: Ich fahre mit der roten Ape – diesmal ohne Gina – weiter Richtung Gipfel.
Ab jetzt verändert sich die Landschaft völlig. Der Wald wird immer lichter, die Bäume verschwinden fast ganz und links und rechts der Straße liegt nur noch das berühmte helle Kalksteingeröll. Der Gipfel ist ständig zu sehen und scheint trotzdem nicht näher zu kommen. Mal wird die Straße etwas flacher, dann folgen wieder richtig giftige Rampen. An drei Stellen wird es selbst für die rote Ape richtig eng. Mit viel Gefühl an der Kupplung, etwas Anlauf und einer Portion Hoffnung kämpft sie sich Meter für Meter nach oben. Unterwegs begegnen mir unzählige Radfahrer, die sich den Berg hinaufquälen. Manche haben sogar ihr eigenes Begleitteam dabei: Die Frau sitzt am Steuer des Autos, die Tochter filmt aus dem Kofferraum und Papa tritt tapfer in die Pedale. So sieht familiäre Unterstützung aus!
Schließlich ist es geschafft. Fast jedenfalls. Die allerletzten 15 Meter bis ganz nach oben sind so steil, dass ich sie der kleinen Ape erspare. Irgendwann ist auch Heldentum genug. Als Erstes rufe ich Giselind an. Danach werden natürlich Fotos gemacht und ein paar Postkarten gekauft – schließlich braucht man Beweise, dass man wirklich hier oben war. Dann geht es in rasanter Fahrt wieder bergab zum Parkplatz, wo Giselind und Gina schon auf mich warten.
Überall laufen bereits die Vorbereitungen für die Tour de France der Frauen. Absperrgitter werden aufgebaut, Dixi-Toiletten stehen bereit, Parkplatzordner weisen die ersten Besucher ein und die ersten Wohnmobile haben sich schon strategisch in Stellung gebracht, um am 7. August einen Logenplatz an der Strecke zu ergattern.
Wir fahren auf der anderen Seite des Ventoux hinunter Richtung Bédoin und weiter über Malaucène und Nyons nach Norden. Immer wieder fällt der Blick zurück auf den Berg. Erst von dieser Seite wird einem richtig bewusst, wie gewaltig dieses Bergmassiv eigentlich ist. Schließlich finden wir in einem schönen Flusstal einen gemütlichen Campingplatz. Nach so vielen Höhenmetern, Eindrücken und Erlebnissen fällt uns das Entspannen heute besonders leicht.
Ein ereignisreicher Tag geht zu Ende.





Bis bald
Giselind, Reinhard, Shakira und Gina